Montag.

Ich und fünf andere Büroarbeiter stehen dicht an dicht im Aufzug, reinkarniert aus dem Werktage-Wochenende-Zyklus und bereit für 40 Stunden Arbeit. Eins habe ich im Praktikum schon gelernt: es gibt zwei Typen Menschen – die, die im Aufzug reden, und die, die schweigen.

Montagmorgens treffen wir alle die stillschweigende Verabredung, von jeglicher Kommunikation abzusehen, bis das Schweigen schließlich von der unvermeidlichen Frage:
“Na, wie war das Wochenende?”
gebrochen wird.

Wir fahren unsere Laptops hoch, verteilen Aufgaben, und beginnen konzentriert in unsere Laptops zu starren. Seltsame Stille während des brainstormings im Morgenmeeting, beschämt über die Flaute in meinem Gehirn vergrabe ich mein Gesicht in einer Kaffeetasse.
Danach versinke ich, bis es draußen dunkel geworden ist, in meinem Bürostuhl und schreibe Emails, entwerfe Contentpläne und mache hoffentlich den Eindruck, höchst beschäftigt zu sein. Manchmal kann ich nicht anders, als mich zu wundern darüber wie seltsam es ist, dass wir fünf Tage die Woche, neun Stunden am Tag in das Bürogebäude strömen, um kollektiv auf Bildschirme zu starren und danach verstrahlt nach Hause zu taumeln.

Dienstag.

Marek, mein Co-Chef, kommt mit einer Dose Red Bull ins Büro. Wenn er mir nicht etwas erklärt, und das kann er gut, schweigt er, und wirkt oft irgendwie unzufrieden und unnahbar.
Mein Chef ist meistens in Europa, und das ist auch ok so: Er ist zwar immer in guter Laune, fällt einem aber ständig ins Wort und bezahlt mich außerdem schlecht. Katholizismus und der FC Liverpool sind seine großen Passionen, und er unterhält eine etwas undurchsichtige Beziehung zu der Chefin des Unternehmens, mit dem wir uns das Büro teilen. Er sorgt regelmäßig für betretenes Schweigen, wenn er sie mit “my lover” anspricht.

Julia kümmert sich um grafisches Design und spricht kaum ein Wort. Manchmal aber kann ich ihr ein Gespräch entlocken, und dann lässt sie einen feinen Humor durchblicken, bevor sie sich wieder in Schweigen hüllt.

Mir gegenüber sitzen Frank, ein übergewichtiger, 24 jähriger Familienvater, der ständig nervös lacht und außerdem unglaublich laut niest und stempelt.

Clyde aus Xinjiang links von ihm beweist Tag für Tag eine legendäre, aber unterhaltsame Dreistigkeit und mag außerdem die Muster meiner Shirts sehr gerne.
Die andere Praktikantin, Lara aus Frankreich, sorgt dafür, dass die Unterhaltung nicht erstirbt, wenn das monatliche Firmendinner ansteht.

Clyde, Lara und ich machen jeden Tag eine ausgedehnte Mittagspause und führen leidenschaftliche Diskussionen über China, blöde ExfreundInnen und meinen Vegetarismus. Die Sonne scheint warm auf uns, und wir ärgern uns wie kleine Kinder auf dem Weg zurück ins Büro.

 

Mittwoch.

Der Wächter des Bürogebäudes ist ein untersetzter Mann mit großer Sonnenbrille, der seine verbliebenen Haarsträhnen mit viel Gel auf die Kopfhaut zurückkämmt.
Er und ich vollziehen jeden Morgen folgendes Ritual: Ich stelle mein Fahrrad sicher vor ignoranten Motorradfahrern hinter einem Busch ab und tue so, als sähe ich ihn nicht. Gerade als ich ins Gebäude huschen will, klatscht er in die Hände und ruft laut: “Hoi! Hoi!”, um mir zu bedeuten, dass mein Fahrrad auf den Fahrradparkplatz gehört.
Ich verdrehe betont die Augen und schiebe mein Fahrrad einen Meter weiter, wo es ihn plötzlich kein bisschen mehr stört, er ist schon wieder in ein Gespräch vertieft.

Lara trägt ein Shirt mit der Aufschrift “next week has been exhausting” und bestellt sich Kaffee ins Büro.
Ich gehöre mittlerweile zu der Sorte Menschen, die nachts nur noch nach Genuss eines dreistündigen ASMR Videos einschlafen können und morgens eine gehörige Dosis Koffein benötigen, um nicht auf der Tastatur einzuschlafen. Außerdem habe ich ständig Lust auf Zucker und entschädige mich für jeden Tag, den ich in einem Bürostuhl ohne Tageslicht verbringe, mit einem Keks aus der französischen Bäckerei nebenan.
Es ist ganz schön schwer, gleichzeitig Büroarbeiter zu sein und verantwortungsvoll mit seinem Körper und Geist umzugehen.

Donnerstag.

Lara und ich waren gestern zu lange auf einer schlechten Halloweenparty, deswegen sind wir heute verkatert und extra müde. Sie gibt mir einen Kaffee aus, weil ich gestern ihre Chinesisch-Hausaufgaben gemacht habe, und updated mich über die verkorkste Affäre mit ihrem Mitbewohner. Ich habe, wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen geht, wenig zu erzählen, und beschränke mich auf gedankenverlorenes, zustimmendes Nicken und den Ratschlag, Typen allgemein nicht zu viel Platz im Leben einzuräumen.

Zu Mittag führen unsere verkaterten Gelüste in ein 麻辣烫 Lokal (“scharfe, betäubende Suppe”). Die Suppe ist in der Tat scharf, so scharf, dass ich das Gefühl habe, beinahe zu halluzinieren, und gerade rechtzeitig bevor wir uns wieder im Büro befinden, kann ich wieder klar denken.

Die Mittagspause kommt in der Regel schnell und ist der Lichtblick in unserem eintönigen Arbeitstag. Dafür kriechen die Minuten bis Feierabend, wobei die ungeschriebene Regel zu gelten scheint, dass lediglich Praktikanten das Büro rechtzeitig zu Feierabend verlassen, und alle Festangestellten mindestens eine halbe Stunde überziehen.
Ich jedenfalls packe um 18 Uhr hastig meinen Laptop ein und verlasse das Büro mit einem schuldbewussten “see you tomorrow”, das mit einem resignierten Lächeln quittiert wird.

 

Freitag.

Das tröstliche ist, das Wochenende ist stets sicher. Der nächste Montag aber immer noch sicherer, und als ich Freitagabend mit drei anderen müden Büroarbeitern ungeduldig auf den Aufzug ins Erdgeschoss warte, denke ich bedauernd, dass mir jetzt ziemlich genau 48h freie Stunden bleiben. Und das soll das echte Leben sein? Ich bin etwas enttäuscht.

In meinem ersten Vollzeitpraktikum lerne ich nicht nur Kundenkommunikation und Marketingkalkül, sondern auch die Bewältigungsstrategien der working class und was die Kapitalismustheorie, die ich mir in Lesekreisen in Hamburg angelesen habe, in der Praxis bedeutet. Ich werde schmerzlich daran erinnert, dass ich mich wohl nicht immer im wohligen Mutterbauch des Studiums zwischen Vorlesungssälen, Partys und jobben einkringeln kann.
Aber das ist in Ordnung – so schrecklich ein bedeutungsloser Bürojob sein kann, so schön muss eine erfüllende, sinnstiftende Beschäftigung sein. Ich trete in die Dunkelheit, in Vorfreude auf 48h Hedonismus, Freiheit und Leidenschaft.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *