Ein Cafébesuch sollte für gewöhnlich eine simple Angelegenheit sein: man sucht sich ein Café aus, wählt einen Tisch, einen Kaffee und eine Zeitung und genießt einige Stunden unantastbarer Sorglosigkeit. Die Profanität des Alltags und den Gedanken ans ungeputzte Badezimmer lässt man an der Türschwelle zurück und schwelgt im wohligen Gefühl, unermesslich Zeit zum Verschwenden zu haben, bis es plötzlich dunkel ist und man sich rundum zufrieden auf den Nachhauseweg begibt.
Cafés sind Tempel des Müßiggangs und die Pausetaste eines rastlosen Großstadtlebens.

Doch in der Zelebration des Cafébesuches liegt auch seine Gefahr: Was wenn ich erst nach dem Eintreten bemerke, dass ich mich an diesem Ort gar nicht wohlfühlen kann?

Doch der Kaffee ist schon bezahlt und damit die Chance, Hals über Kopf den Laden zu verlassen, bereits unwiederbringlich vertan, und nun bin ich gezwungen, diese kurze Zeit, die eigentlich mein Glück mehren soll, an einem Ort mit kalter Zugluft, verwelkten Topfpflanzen oder – am allerschlimmsten – am einzig freien Tisch ganz hinten in einer dunklen Ecke fern jeglicher Lichtquelle zu verbringen.

Spontan mal eben in ein beliebiges Etablissement einzutreten, ist daher nicht drin für mich, lieber unterziehe ich die mögliche Wahl vorher einer sorgfältigen Prüfung: ich schleiche zunächst minutenlang vor dem Fenster umher, um einen Einblick in das Interieur und seine Besucher zu erhalten. Ganz wichtig ist dabei herauszufinden, ob noch ein Fensterplatz frei ist, ein gemütliche Sofaplatz täte es notfalls auch, möglichst mit Steckdose in der Nähe für meinen Laptop, der spätestens nach 30 Minuten erschöpft den Geist aufgibt.
Schließlich trete ich zögerlich hinein, um die Atmosphäre anzutesten: Ist die Musik in Ordnung, und bloß nicht zu laut?
Sind nicht zu viele, aber auch nicht zu wenige Menschen da? Sprechen sie zu laut, und wenn ja, wenigstens über unterhaltsame Dinge?
Werde ich mich auf mein Buch konzentrieren, aber auch unbemerkt andere Besucher und Passanten beobachten können (und mich selbst unbeobachtet fühlen können)?
Wird die Bedienung darüber hinwegsehen, dass ich diesen Tisch den ganzen Tag besetzen, aber lediglich einen Kaffee trinken werde? Und sollte ich eigentlich überhaupt 3€ für einen Kaffee ausgeben, den ich mir auch selbst zuhause machen könnte?


Ein gelungener Cafébesuch kann also durch vieles gefährdet sein. Trotzdem passiert es manchmal, dass ich ganz unverhofft auf das perfekte Café stoße, so wie am zweiten Weihnachtsfeiertag 2019:

Zu jener Zeit stand ich entnervt im Regen an einer Kreuzung irgendwo in Busan, Südkorea, weit entfernt von dem Museum, dass ich eigentlich geplant hatte zu besuchen.
Doch irgendwie musste ich im Bus 68 den Ausstieg ‘Busan Museum’ verpasst haben, oder der Busfahrer hatte die Haltestelle heimtückisch übersprungen, oder ich war in die falsche Richtung gefahren, egal, ich war auf jeden Fall nicht am Museum und das nervte mich zu Tode.
Die Lust es nochmal zu versuchen, war mir nun vergangen, und ich trottete zur Bushaltestelle auf der anderen Straßenseite, um nach Hause zu fahren.

Die Straße war gesäumt mit gesichtslosen Einkaufsläden, Waschgeschäften, Supermarktketten und Tankstellen, die müdes Licht auf die Straße warfen, bis auf –
bis auf eine Fensterscheibe, die warm erleuchtet aus der grauen Tristesse des Straßenzuges hervor stach.

Neugierig trat ich heran, und erspähte im Vorbeigehen einen Raum mit simpler Einrichtung, in dem zwei Frauen sich an einem Tisch gegenüber saßen. In der Mitte stand ein Clementinenbäumchen.
Ein Clementinenbäumchen?
Ich ging erneut an der Fensterscheibe vorbei und versuchte, einen Blick zu erhaschen. Ja, das Orange der Früchte musste jedem Vorbeigehenden sofort ins Auge fallen. Ich sah auf die Uhr. Es war zwar zu spät fürs Museum, aber eigentlich zu früh, um schon ins Hostel zurückzukehren, und außerdem war ein Fensterplatz frei.

Einige Minuten später saß ich in einem Baststuhl und sah zu, wie eine freundliche Kellnerin den Espresso in meiner Tasse mit heißem Wasser aus einer silbernen Edelstahlkanne aufgoß.
Ich bedankte mich mit einem strahlenden ‘Kamsahamida’ für das kleine Küchlein, dass sie mir dazu stellte. Mir gefiel das schlichte Design des Raums, das beinahe an eine Galerie erinnerte, man sah ihm an, dass er gut durchdacht eingerichtet worden war.
Aus den Musikboxen kam unaufdringliches Gitarrengeklimper, in das sich in das gedämpfte Gespräch am Nebentisch mischte. Ich sah nachdenklich auf die vorbei eilenden Menschen, die Regenschirme und Einkaufstüten in den Händen trugen.

Der Bus 68 Richtung Busan Museum fuhr schadenfroh an mir vorbei, doch mein Groll hatte sich mittlerweile in unerschütterliche Zufriedenheit verwandelt. Ich stach die Gabel in das Küchlein und lehnte mich zurück, bereit, den Nachmittag am Fensterglas vorbeiziehen zu lassen.

Und erst als sich die Dunkelheit über die Stadt gesenkt hatte, verließ ich das beglückt das Café. Wieder einmal hatte der Zufall mich gelehrt, dass man manchmal auch Glück findet, wenn man es gar nicht gesucht hat.

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