// Sonntag //

Es war neun Uhr morgens, ich stand in der Küche, hatte nicht besonders gut geschlafen und kochte Espresso mit den letzten zwei Löffeln Kaffeepulver. Ich blickte aus dem Fenster, trank die ganze Kanne Kaffee aus und versuchte dann vergebens, die Müdigkeit unter der Dusche abzuwaschen. Danach frühstückte ich, obwohl ich nicht das Gefühl hatte, besonders hungrig zu sein, während draußen langsam der Regen nachließ.
Ich konnte mich kaum auf den Uni-Text, den ich mir vorgenommen hatte, konzentrieren. Statt zu lesen, schminkte ich mich ab, zupfte mir die Augenbrauen, schnitt meine Nägel, hörte Franz Ferdinand und googelte das DJ Kollektiv eines Typen, mit dem ich früher mal rumgeknutscht hatte. Im Spiegel sah ich tiefe Schatten unter meinen Augen. Trotzdem sah ich ganz gut aus, fand ich.
Irgendwann beschloss ich, mir draußen einen Kaffee zu holen – ich mochte das, rausgehen und kleines Geld ausgeben für Dinge, die man eigentlich zuhause haben sollte. Ich fühlte mich dabei wie die Protagonistin eines Films, der man in der Anfangsszene beim Erledigen banaler Alltagsdinge zusieht. Schließlich stolperte ich in eine türkische Bäckerei, in der ein Mann mit einem blinden Auge mir einen Café Creme für 2€ verkaufte. Er lächelte, als ich auf seine Frage: „Sonst noch was?“, antwortete: „Nein danke, nur den Kaffee“, vermutlich konnte man mir meine Müdigkeit trotz der Maske ansehen. Wir warteten schweigend das Röhren der Kaffeemaschine ab, im Hintergrund quasselte eine türkische Radiostimme, hinter der Glasscheibe des Tresens vertrockneten Gurken und Tomaten in Blechbehältern, und im Schaufenster lagen mehrere Platten Baklava, die für 15€ das Kilo verkauft wurden. Ich bedankte mich, ging hinaus und dachte, dass die banalen Alltagsszenen der Filme, an die ich gedacht hatte, einfach geschickt zusammengeschnitten waren; im echten Leben war draußen Kaffee kaufen völlig unspektakulär, es fehlte beschwingte Filmmusik, die durchdachte Kameraführung, der Ausblick auf einen interessanten Dialog oder einen wichtigen Anruf, der den Film einleitete. Ich schloss die Tür auf, stellte den Kaffee neben meinem Laptop ab und rieb mir über das Gesicht: Müdigkeit hin oder her, ich würde diesen verdammten Text jetzt lesen müssen.

// Samstag //

Samstag scheint die Sonne und ich fahre mit dem Longboard in die Stadt. Es ist warm, der Rucksack auf meinem Rücken ist ein bisschen zu schwer, aber ich habe keinen Gegenwind. Ich fahre den Eilbek Kanal entlang, die Alster runter, am Gängeviertel vorbei und beschließe, am Arrivati Park Pause zu machen – weil ich müde werde, aber auch, weil ich irgendwie hoffe, dass vielleicht, hier mitten an der Kreuzung zwischen zwei Szenevierteln, ein bekanntes Gesicht vorbeischaut. Vielleicht B., vielleicht M., oder andere Leute, die ich kaum wiedergesehen habe, seitdem ich zurück in Deutschland bin, aber wer weiß schon was die gerade machen und ob sie sich an mich erinnern. Es ist ein schöner Tag, und solange ich in der Sonne sitze, werde ich nicht frieren. Mir fällt ein dass C. in der Nähe wohnt, also rufe ich sie an, aber keiner geht ran.

Ich gehe raus, natürlich weil ich gerne draußen bin, weil ich gerne skate, aber am Ende hoffe ich immer, vielleicht treffe ich jemanden, vielleicht sieht mich jemand, vielleicht. Aber jetzt sitze ich nur im Arrivati Park und fühl mich schrecklich einsam.

Dabei bin ich zufrieden mit mir, ich sehe gut aus, ich habe mich geschminkt und schön angezogen, nur für mich selbst, in meiner grünen Sommerjacke, einem kurzen braunen Pullover, die Beine überkreuzt, Skateschuhe und Allegro Pastell auf den Knien, mühelos und selbstbewusst, und ich sehe aus dem Augenwinkel, der Typ gegenüber schaut manchmal zu mir rüber, und trotzdem bin ich einsam. Ich lese ein paar Sätze, schaue wieder auf und lasse ich auffällig unauffällig meinen Blick durch den Park schweifen, vielleicht ist da ja jemand, vielleicht sehe ich ja jemanden… aber da sitzen nur schöne, unbekannte Menschen im Licht, dass durch die Zweige fällt. Sie tragen weite Jeans, kinnlange Haare, schwarze funktionale Rucksäcke, ihre Fahrräder liegen vor ihnen im Gras, mit angezogenen Knien hocken sie dort und reden miteinander. Ich sitze allein hier. Ich schaue wieder in mein Buch und schlüpfe in meine Rolle: das Mädchen, das alleine im Park auf einem Longboard sitzt und eine Millennial-Liebesgeschichte liest, und auf niemanden wartet.


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Ich sitze leicht angetrunken in der Bahn nach Hause, und vor mir sitzt das traurigste Mädchen der Welt. Wir sind spät dran, noch zwanzig Minuten bis die Ausgangssperre beginnt, draußen ist es schon dunkel. Sie hat blonde Locken, die ihr über die hohe Stirn fallen, die restlichen Locken hat sie am Hinterkopf mit einem pinken Scrunchie zusammengebunden, und mit furchtbar traurigem Blick schaut sie in die Dunkelheit, ihr rosa Gesicht und die glasigen Augen spiegeln sich in der Fensterscheibe. Die Bahn hält in Hasselbrook, sie guckt unverwandt nach draußen, auf dem Bahnsteig leuchtet ein Werbebanner: „Robbie Williams – seine erstes Weihnachtsalbum“, und irgendwie berührt mich das: zu sehen, das jede*r im Waggon einsam, überarbeitet, müde oder frustriert ist, und das wir uns trotzdem alle lieber dafür entscheiden, zu schweigen, anonym zu bleiben, auszuhalten. Die Bahn fährt weiter, hält an, ich steige aus.

In Friedrichsberg angekommen, überlege ich ob S. wohl schon eingekauft hat, denn morgen ist Sonntag, und ich muss auch noch zu Abend essen, und springe fünf Minuten vor Ladenschluss in den Edeka. Drinnen ist das Licht unangenehm hell und die Regale immer noch voller Waren, die Obst- und Gemüseabteilung wirkt wie frisch eingeräumt. Ich hab Lust auf Couscous Salat, denke ich, knicke zögernd zwei Tomaten von einem Stiel ab, Rucolasalat auch? 1,19€, na gut, und Brot bräuchten wir auch, aber als ich vor dem Brotregal stehe merke ich, ich bin angetrunken und unter Zeitdruck absolut nicht in der Lage aus 20 verschiedenen Sorten Toastbrot auszuwählen, und in zwei Minuten macht der Laden dicht, also sei’s drum, geh ich morgen halt zum Bäcker. Ich warte in einer langen Schlange, lege beschämt die zwei Tomaten und die Packung Rucola hinter Einkäufe, die das ganze Laufband bedecken, und denke mir, dafür bist du also Samstagabend um 20:50 nochmal in den Edeka, naja, und als ich nach Hause komme hat S. natürlich auch schon eingekauft, der ganze Stress umsonst, und da, endlich, kann ich über mich selbst lachen.

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