Ich stehe nervös am U-Bahnsteig und sehe mich nach einem Typen mit einem riesigen Wandspiegel um. Ich brauche den unbedingt für mein Zimmer, hatte ich gestern Nachmittag plötzlich gedacht, ich brauche etwas um diese tothässliche Tapete zu überdecken und außerdem wäre das ein ganz passabler Grund, mal wieder vor die Tür zu treten.

Ich würde mir einen riesigen Spiegel für ein riesiges Ich kaufen, hatte ich also beschlossen, als ich nach drei Tagen in Embryonalstellung unter meiner Bettdecke endlich aufgestanden und in die Küche getapst war, und dort frierend und völlig neben der Spur ein halbes Glas Wasser trank.

neben der Spur? Was ein Scheißausdruck. Wenn sie doch nur neben mir wäre, diese Spur, dann müsste ich ja einfach nur wieder draufsteigen. Aber die Spur ist mir irgendwie völlig abhanden gekommen, und seitdem schlinger ich durch die Tage wie die Kuh auf dem Eis, nur das mich keiner herunterholt.

Naja, der Spiegel jedenfalls, den stelle ich mir dann ins Zimmer und blicke ich jeden Morgen in den Spiegel und sage zu mir selbst:”du Prachtexemplar, Ich finde dich klasse. Außerdem siehst du heute wieder umwerfend aus”, denn meine Therapeutin verspricht mir immer, das macht mich wirklich klasse und umwerfend.

Ich schrieb dem ersten Typen, der einen Spiegel in angemessener Größe zu einem Spottpreis auf ebay Kleinanzeigen vertickte, dass ich den noch heute abhole, am liebsten jetzt sofort, kannst du so in einer halben Stunde? Und wir haben uns dann am Ubahn Steig Landwehr verabredet, Ausgang Angerstraße. 

Ich komme an der Ubahn-Station an, hab eigentlich ganz gute Laune und bong – plötzlich kippt meine Stimmung. Der Himmel ist novembergrau, und an mir eilen Leute mit gesenkten Köpfen und aufgestellten Kragen vorbei zur Treppe. Sie stoßen mich mit ihren Schultern an, sie reden zu laut in ihre Telefone, sie schweigen entnervt.

Je länger ich hier stehe und den Menschenstrom beobachte, des to größer wird meine Frustration – was war das eigentlich für ein scheiß banaler und deprimierender Tag, den ich mir zu meiner Resozialisierung rausgesucht hatte? Wer hat diese unerträglich plärrenden Lautsprecher so eingestellt, das sie einen, egal wohin man vor ihnen flieht, aus Leibeskräften beschallen, und warum verdammte Scheiße fühlt sich jetzt auf einmal alles so furchtbar an?
Ich schließe die Augen und vergrabe meine Fingernägel in meinen Handflächen, weil mich dieser Schmerz immer irgendwie beruhigt.

Als der Typ mit dem Spiegel mich unsicher antippt, reiße ich die Augen auf und die 10€ aus meiner löchrigen Jackentasche. Ist nicht mein Geld, sondern Mimis, das sie gestern in das Haushaltssparschwein in unserer Küche gesteckt hat.
Das tut mir sogar fast leid, aber ich hab vorher nachgeguckt: wir haben noch Klopapier für mindestens eine Woche. Außerdem schuldet Mimi mir eine Woche Abspülen, denn aus ihrem Zimmer riecht es nach Poppers, obwohl sie hat mir versprochen hat, mit dem Kram aufzuhören. Aber Spüldienst macht eigentlich eh keiner mehr. Egal, ich brauch diesen fucking Spiegel.

Ich drücke ihm schnell das Geld in die Hand und verlasse die Station mit dem Spiegel unter den Arm geklemmt. Ich habe vorher nicht wirklich drüber nachgedacht, wie ich den Spiegel nach Hause bringe, und bin schon unten am Ausgang völlig außer Atem.
Das Ornament des Spiegels schneidet mir in die Arme und ich ärgere mich, dass ich weder an eine Jacke noch an Geld für ein Taxi nach Hause gedacht habe. Scheiß drauf, denke ich dann, lehne den Spiegel an eine Straßenlampe, stelle mich an den Straßenrand und winke hektisch mit den Armen.

Ein Taxi hält und ich beuge mich in das offene Fenster:
“Richtung Reeperbahn?”

Der Taxifahrer nickt gelangweilt, ich schiebe den Spiegel auf den Rücksitz und setze mich neben ihn. Der Taxifahrer wirft einen Blick nach hinten und verzieht abwehrend das Gesicht:
“Nenene, der kommt mir hier nicht rein, die Tür geht ja gar nicht zu. Da müssen Sie U-Bahn fahren!”
“Garantiert nicht. Talstr. 34.” entgegne ich und schnalle mich an.
“Hören Sie, Sie nehmen jetzt Ihren Spiegel und steigen sofort aus. Die Tür geht nicht zu!” herrscht er mich an, ich blicke mit zusammengepressten Lippen vorwärts.
Als er sieht, dass nichts geschieht, steigt er aus, knallt den Spiegel klirrend an den Ampelmast und reißt die Vordertür auf:
“Aussteigen!”


Die Sekunden danach sind ein wirres Durcheinander aus wütendem Geschreie, ich werde aus dem Auto gezerrt, schlage mit meinem Ellbogen um mich, jemand nennt mich eine “kranke Fotze” und dann sitze ich mit hämmerndem Kopf auf dem Bordstein. Das Taxi braust davon, alle Passanten haben flüchtig die Straßenseite gewechselt.
Meine Fingernägel graben tief in das Fleisch meiner Handflächen und ich will mir auf der Stelle selbst in die Fresse schlagen, bis ich nichts spüre. Als ich in den Spiegel blicke, fange ich fast an zu heulen: ein riesiger Sprung zieht sich von den Ecke oben links bis nach unten und fährt einmal mitten durch meine zusammengesackte Gestalt. Trotzdem erkennt man, dass ich meine Dusche seit Tagen nicht betreten und kaum geschlafen habe.

Zuverlässig wandelt sich meine Wut in Sekundenschnelle in lähmende Gleichgültigkeit, die mich an Ort und Stelle festnagelt. Ich sacke auf dem kalten Boden zusammen und klammere mich an dem Spiegel fest, mein Blick verliert sich im Grau der Gehwegplatten.

“Netter Spiegel!”
Eine Stimme wie ein klingelnder Wecker, ich schaue so blitzartig auf, dass mir schwindelig wird. Ein Typ in braunem Parka läuft an mir vorbei, kommt dann zurück und kniet sich mir vor hin.
“Brauchst du Hilfe?”
Ich schaue auf meine offenen, aufgeribbelten Schnürsenkel und murmele leise: “Scheiße…”
Ein fragender Blick liegt auf mir, das spüre ich, und ich lächele schief meine Schuhe an: “Ich muss nach Hause.”

Anscheinend sehe ich mitleiderregend genug aus, denn er bezahlt mir echt ein Großraumtaxi und hilft mir den Spiegel in den 3. Stock zu tragen. Ich schaue während der Fahrt dumpf auf den vorbeifließenden Verkehr und kriege kein Wort raus. Wir stellen den Spiegel an der Wand gegenüber meiner Matratze ab.

Es sieht genau so aus, wie ich es wollte.

“Joa.. Tschüss dann.”

Ich nicke müde und setze mich, die Arme um meine Beine geschlungen, meinen Mund fest auf die Knie gedrückt, vor den Spiegel und denke, dass ich so fast verschwinde in dem Spiegelbild.
Die Tür fällt ins Schloss und ich erschöpft in einen tiefen Schlaf, endlich, auf den harten Holzdielen meines Zimmers.

Als ich aufwache, ist es schon dunkel.
‘Scheiße, der hat das Taxigeld gar nicht zurückgekriegt’, denke ich, und dann, dass das Sparschwein in der Küche jetzt eh leer ist. Ich setze mich ans Fenster, weil die Lichter draußen so schön aussehen. Merry Christmas blinkt es in einem Fenster gegenüber, gelbes Licht scheint fahl auf die Straße, Ampelrot, Ampelgrün. Feiner Regen fällt sanft und kalt auf Häuserdächer.

“Du siehst mal wieder umwerfend aus, du Prachtexemplar” flüstere ich leise dem Nachthimmel zu, und schaue mein dunkles Spiegelbild im Fensterglas an.

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