Am 18.01.2020 hat Dada, mein Lieblingsclub in Shanghai zugemacht. Und so war mein letzter Dada-Abend:

Ich sitze auf meinem Fahrrad auf dem Weg zu Dada und höre ein hinreißendes Babyshambles Album. Neben mir schubbert die Straßenreinigung Dreck von der Straße und ich denke daran, wie schockverliebt ich mit 16 in Pete Doherty war.
Shanghai ist voller Baustellen, die nachts großartig aussehen: in grellem Baustellenlicht reißen orange gekleidete Bauarbeiter mit gegerbten Gesichtern riesige Krater in den Bauch der Stadt, die einen Einblick in ihr Inneres gewähren: Gasleitungen, Schutt und Kabelstränge offenbaren sich den Passanten. Fasziniert beobachte ich die Arbeiten, während ich an einer Ampel warte: Presslufthammer donnern in den Boden, die Bauarbeiter brüllen Unverständliches, Funken schlagen beim Löten.

Wie kann es das Gesetz des Zufalls eigentlich erlauben, dass diese eine Ampel IMMER rot ist, wenn ich hier vorbei komme?

Vor Dada tummeln sich schon die Tanzwütigen, jetzt muss ich Pete leider abstellen. Klingt aber auch gar nicht schlecht, denke ich, als ich die Tür aufmache und mir der Bass entgegendröhnt. Dada ist völlig überfüllt, jetzt zum Schluss wollen alle nochmal ein Stück vom Dadaglück.

Ich tanze eine Weile hinten neben meinen Freunden, aber da sind der Ausgang und die Toiletten so nah, und der Bass so weit, und ständig drängen sich Leute nach draußen durch. Außerdem hat sich meine Umhängetasche völlig unerklärbar, und im Dunkeln völlig unauflösbar, in meine Jacke verwickelt. Nagore geht Tequila trinken an der Bar, ich gehe aufs Klo, meine Tasche entwirren, und jetzt aber richtig –
ich schiebe mich durch die Menge vorne durch. Da! Vor der rechten Box ist Platz, mein Platz, ich dränge mich ins Tanzvakuum.

Jetzt ist alles so wie es sein soll:
Blick aufs Mischpult, ein Qudratmeter zum Tanzen, Scheinwerferlicht blitzt in mein Gesicht, über mir ragt die Box von der Decke herunter. Vorne tanzen hat außerdem den Vorteil, dass man immer seine Sachen im Blick hat, die lehnen ja gleich neben einem überm DJ-Pult.

Dann tanze ich mich mit Mona-Lisa Lächeln im Gesicht kompromisslos vorm DJ-Pult fest (der Boden ist aber auch klebrig hier). Der Beat klopft an meine Ohrmuschel, nein, er hämmert auf mein Trommelfell ein, und schwupps! Jetzt hat er sich in mir eingenistet, er wummert nicht mehr auf mich ein, sondern aus mir heraus.
Musik ist das einzige, was bedingunglos über meinen Körper verfügen darf: Ich werde eins mit dem Beat, der sich in Knieschwingen, Armezappeln, Rundherumdrehen visuell manifestiert. Irgendeine kranke Projektion läuft auf der Leinwand hinter den DJs, Schattenhände fliegen in die Luft, Coronaflaschen klirren, Rufe und E-Zigarettendampf wabern durch den Raum.
So, meine Damen und Herren, riecht pures Glück.

Wenn mir doch mal langweilig wird, öffne ich die Augen und beobachte das Technogehabe der DJs: das Gesicht so leidenschaftlich verzogen, das es beinahe gequält aussieht, Augen zusammengekniffen, eine Hand am Kopfhörer, die andere an einem Regler, schwer konzentriert aufs Mischpult gucken, als stünde dort die Lösung des Nahostkonfliktes niedergeschrieben, Oberkörper im Takt nach vorne werfen, auf Zehenspitzen von rechts nach links, von links nach rechts shuffeln, ab und an ein gewinnendes Lächeln in die Menge werfen, dann schnell wieder am Mischpult rumschieben.

Jeder findet irgendwas an sich, das sich zum selbstironischen Technokostüm umfunktionieren lässt: ein breiter Schnurrbart, lang gewachsene Locken, ein Hemd, das jenseits des guten Geschmacks gemustert und daher genau richtig für Techno ist, Hosenträger, witziger Hut über kahl rasiertem Kopf, manchmal reicht auch einfach ein durchdringender Blick.
Generell muss man trotz der Kostümierung und des albernen Gebarens völlig ernst wirken, denn Techno ist eine ernste Angelegenheit und harte Arbeit. Oder man besticht mit ungewöhnlicher Gewöhnlichkeit, und zieht einfach ein Karohemd über weißem Shirt an, so wie der Typ links. Der sieht übrigens aus, als würde er jede Sekunde aufs Mischpult kotzen.

Die Musik steuert jetzt mein zentrales Nervensystem und zaubert Raum und Zeit weg, das sind allgemeine Technophänomene. Ich muss über gar nichts mehr nachdenken, der Beat stößt meine Beine in den Boden, wirft meine Arme in die Luft und hat meinen Körper komplett trockengelegt. Meine Mundhöhle ist eine Staubwüste, und wollte Jonas nicht eigentlich mit einem Bier wiederkommen?
Egal, darum kann ich mich jetzt nicht kümmern. Das Karohemd torkelt von der Bühne und dockt ziemlich wahllos bei allem an, was in der ersten Reihe steht und Brüste hat. Ein paar Mal ragt sein Kinn auch über meine Schulter, dann stoße ich ihm aber ziemlich energisch meine Ellenbogen ins Zwerchfell, das hilft zuverlässig.

Wir tanzen uns in eine muntere Technoekstase, in eine Welt aus Blitzlichtern und Bassmassagen, nur würde ich mittlerweile meine Seele für eine kalte Flasche Wasser verkaufen. Wo sind die anderen eigentlich? Ein Mädchen in einem rosa Pailletten-Kleid fällt mir um den Hals, Zora! Sie drückt mir überschwänglich ein Eis in die Hand, naja, ist zwar kein Wasser, auch kein Bier, und Scheiße, die 30-Tage-ohne-Zucker Challenge… egal.
Ich beiße in das Eis und sehe nach links, das Karohemd hat mittlerweile einen Körper zum Anklammern gefunden, wie schön.

Jetzt, wo ich mir über meine Bewegungen keine Gedanken mehr machen muss, beginne ich zu überlegen, woher der Name Dada eigentlich kommt – wohl doch nicht daher, dass ‘Dada’ sagbar bleibt egal, wie alkohol- oder anderweitig getrübt die eigene Aussprache ist?
Dada. Das ist so simpel wie ‘Mama’, oder ‘Papa’, und tatsächlich ist Dada die Urmutter der Shanghaier Nachtszene, Dada war immer schon da, oder zumindest schon sehr lange, und hat uns immer gütig in den Arm genommen, wenn wir mal wieder festgestellt haben, wie langweilig und herzlos andere Clubs eigentlich sind.

Langsam lichtet sich die Tanzfläche. Ich wünsche mir verzweifelt, dass die Musik langweiliger wird, ich muss doch morgen arbeiten, aber bei so guter Musik kann ich auf keinen Fall gehen. Hab ich vor ner halben Stunde schon versucht, und bin dann unter der Ausrede, ‘muss nur noch kurz meine Handschuhe suchen’ wieder rein, und hab dann irgendwie einfach vergessen zu suchen, und mich stattdessen daran erinnert, weiter zu tanzen.
Jetzt spricht Fred mich an, er habe mich doch hier schon mal gesehn, oder war das im Celias? er heiße übrigens Fred, Hallo. Ich zucke lächelnd mit den Schultern, er fragt schnippisch warum mir eigentlich immer alles so egal sei, ich könne doch wohl mal mit den anderen Leuten reden. Ich schnappe meine Sachen und gehe nach vorne, oder sollte ich jetzt vielleicht wirklich mal los? Dann würde ich noch so 4 Stunden Schlaf kriegen. Aber halt, ist das etwa..

“take me through the darkness to the break of the day…”
Ja, das ist unverkennbar ein ABBA Sample, da kann ich auf keinen Fall weg,
Zu diesem Song wollte ich IMMER schon in einem Club tanzen.

Jetzt wo ich zu ABBA in Dada getanzt habe, kann ich in Frieden den Laden verlassen, und Dada darf in Würde schließen. Irgendwann reiße ich mich mit furchtbar schlechtem Gewissen, einerseits weil ich nicht zum Schluss bleibe, andererseits weil ich so lange geblieben bin, von der Stelle, an der mittlerweile mit Sicherheit mein Fußabdruck in den Boden gestempelt ist, und laufe zu meinem Fahrrad. Nächstes Projekt: Wasser beschaffen.

Dann stehe ich vor einem Family Mart und stürze eine Flasche Wasser runter, auf der anderen Straßenseite weint eine Frau in ihr Telefon, ein sehr alter, sehr verwirrter Mann pinkelt auf die Straße.
Zuhause angekommen, nehme ich noch einen großen Schluck aus der Kokoswasserpackung, das hab ich jetzt glaube ich verdient. Ich werfe mich in meinen Klamotten ins Bett, alles riecht nach Rauch und Schweiß, in drei Stunden und vierzig Minuten klingelt der Wecker, und ich denke daran, dass vielleicht gerade jetzt das Licht in Dada angeht.

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