Lockdown Tagebuch #1 (diesmal auf Deutsch)

Es ist nichts romantisch an schlaflosen Nächten.
Man liegt nur da, und irgendein Gedanke hält einen wach, obwohl man eigentlich schon gar nicht mehr denken kann. Wenn man wenigstens nachdenklich ins Mondlicht starren könnte, aber der Himmel ist wolkenverhangen. Wenn man nur lesen könnte, aber der Kopf versteht die Sätze nicht mehr. Wenn man nur schlafen könnte… Man zündet einen Stummel Joint an und guckt halt nachdenklich an die Wand. Das Nikotin steigt sofort in den Kopf und man denkt, dass das eigentlich nur wacher machen kann.
Nein, es ist nichts romantisch an schlaflosen Nächten.
Man beneidet die dunklen Fenster im Häuserblock gegenüber, hinter denen müde Körper in den Federn ruhen. Warum ist man schlaflos? Man versteht es nicht, diese üble Laune des eigenen Körpers. Das gelbe Licht im eigenen Zimmer brennt schon viel zu lange. Es ist zu hell, wenn es an ist, und zu dunkel, wenn man es ausschaltet. Gedanken rasen durch den Kopf, und man wünscht sich, die Fliehkraft schleuderte sie hinaus. Wenn man nur schlafen könnte…
Nein, nichts ist romantisch an schlaflosen Nächten.
Und während man sich fragt, wie viele Stunden man schon so untätig rumliegt, aber sich nicht traut, einen Blick auf die Uhr zu werfen, und stattdessen einen Blick in die Dunkelheit wirft, sieht man die Schatten der Zweige vor dem Fenster. Es ist fast geschafft, noch ein, zwei Stunden. Das erste Licht der Fensterreihe gegenüber geht an, Kontraste und Silhouetten werden sichtbar. Der Kopf gibt endlich die Raserei der Gedanken auf, der Körper übergibt sich der Müdigkeit, endlich endlich, man gleitet, als sei es nie ein Problem gewesen, in den Schlaf hinüber.
Nein, schlaflose Nächte sind nie romantisch, wenn man sich durch Stunden unruhigen, sinnlosen Wachliegens quält, in denen der Kopf immer abstrusere Gedanken produziert. Romantisieren kann man sie nur im Nachhinein, als ein Gedicht, ein Stück Musik, ein Text.

Auf meinem Laptop ist ein offener Tab mit dem Wetterbericht, denn ich würde so gerne wissen, wann wieder die Sonne scheint (dreieinhalb Stunden am nächsten Mittwoch). Außerdem: eine halbfertige Bewerbung, die Jahresziele für 2021 irgendeiner Youtuberin und der Wikipedia-Artikel über Zentrifugalkraft. Das Fensterbrett ist mein Aschenbecher, und außerdem meine Couch und mein Schreibtisch, und außerdem: das Fensterbrett zur Welt.
Dort liegen: Worte des Vorsitzenden Mao Tse-Tung, leere Espressotassen, leere Taschentuchpackungen und der Joint, der eigentlich nur noch nach Asche schmeckt. Wenn in meinem Zimmer abends das gelbe Lampenlicht gegen die Dunkelheit anstrahlt, habe ich das Gefühl, etwas geschafft zu haben. Mir ist kalt, und ich ärgere mich darüber, dass der Tee so lange zum Abkühlen braucht. Dann habe ich bestimmt gar keine Lust mehr auf Tee.
Gestern war ich mal richtig weit weg, am Hauptbahnhof: da war Dönerduft und Weihnachtsbeleuchtung, ein verwirrter Obdachloser laberte verlegene Passanten zu und ein paar Polizisten trugen Kaffeebecher und Gyros durch die Wandelhalle.

Tragedy by the Bee Gees is the best thing that happened to me so far this year.

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