Letztes Wochenende hatte ich einen komischen Traum.

Ich träumte, es sei 清明节 (Qīngmíng jié), das chinesische Totenfest, und ich hätte mich über das lange Wochenende zu einem Ausflug in die Berge von Anhui angemeldet. Dafür musste ich mitten in der Nacht aufstehen, weil der Minivan um 4 Uhr morgens abfuhr. Wir waren zu Acht und trugen alle Masken.

Als die Sonne gerade aufgegangen war, wachte ich frierend auf der Rückbank auf. Wir hielten wir an einem Rastplatz für eine Pinkelpause. Das Toilettenhäuschen war mit runden Bögen und Drachenschnitzereien verziert. Wir aßen Croissants und Bananen neben dem Minivan, und jemand sprühte 生滑 (Shēng huá), den Namen der Wandergruppe, auf den Parkplatz. Ich hörte Hahnengeschrei und das Knallen von Feuerwerken, in der Ferne rauchte ein Schornstein, und es war immer noch so kalt.

Schließlich hielt der Van in einem Dorf. Hier trug niemand Masken! Wie surreal. Die Bewohner beäugten uns argwöhnisch, wir lächelten ihnen freundlich zu.
Ich war begeistert von der Ursprünglichkeit des Dorfes, denn ich wusste nicht, dass es sowas noch in China gab, ein paar Stunden Fahrt aus Shanghai hinaus! Wie lange genau, das lässt sich im Traum ja immer schwer sagen.

Wir wanderten in den Wald und waren bald ganz allein. Um uns war es grün und üppig, und uns wurde schnell warm beim Laufen. Wir schnauften und zogen uns die dicken Jacken aus. An einer schönen Lichtung machten wir Halt, und plötzlich erklangen Sirenen aus der Ferne.


„Das ist die Schweigeminute für die, die an Corona gestorben sind!“ sagte jemand. Wir setzten uns und blickten ins Tal und schwiegen. Danach teilten wir Mandarinen und ich erklärte die Geschichte der Armbänder an meinem Handgelenk.

Zwei Männer kamen aus dem Wald und trugen frisch geschnittenen Bambus in die Dörfer hinunter. Eine alte Frau überholte uns und rief fröhlich: „Ich bin 72 Jahre alt!“. Auch sie kam später mit einer Tasche voller Bambus zurück. Ich freute mich, dass meine neuen Wanderschuhe so gut passten und schoss Foto um Foto von dem Bambuswald, den wir durchquerten.

Dann kamen wir an einem Fluss vorbei, den wir mutig mit nackten Füßen überquerten. Auf der anderen Seite machten wir Mittagspause, jetzt schien die Sonne plötzlich prall auf unsere Köpfe. Ich bekam Kopfschmerzen.

Der Wald lichtete sich, vor uns lag ein Rapsfeld. Die Blüten waren von so kräftigem Gelb, wie es nur im Traum möglich war. Ich verscheuchte eine Biene und stürzte Wasser gegen meine Kopfschmerzen herunter.

In die Rapsfelder waren kleine Altare gebaut, in die jemand bunte Girlanden geknüpft hatte. Es sah absurd aus, dieses aufdringlich gelbe Rapsfeld, der Altar, die im Wind wehenden Plastiklamellen. Wir kamen in ein Dorf, in dem der Bambus aus den Bergen auf geflochtenen Körben trocknete und ein Mann in einem Hauseingang Holz schnitzte. Hier waren die Menschen sehr erfreut über unseren Besuch und winkten uns fröhlich zu.

Ich war verzaubert von der ursprünglichen Schönheit dieses Ortes, in dem die Menschen Tee in den Feldern pflückten und Holzscheite aus dem Wald trugen.
Wir liefen weiter, gelangten in dorniges Gestrüpp, der Pfad war verschwunden, und es war unleugbar: wir hatten uns verlaufen. Ein Bauer kam vorbei und wies uns den Weg den Berg hinunter.

Müde kletterten wir zurück ins Auto und machten uns auf dem Weg zur Unterkunft für diese Nacht im nächsten Dorf.
Mein Kopf hämmerte und ich legte ihn auf meinen Knien ab. Plötzlich hielt der Wagen, vor uns flackerte rot-blaues Licht: Polizeikontrolle.

Ich schob meinen Pass durch das Fenster, blätterte müde durch die Seiten, um dem Polizisten mein Visum zu zeigen, doch wo war es nur? Ich fand es nicht, er tippte ungeduldig mit Fuß, und ich blätterte verzweifelt weiter, mein Kopf drohte jetzt zu platzen, die Luft wurde dünn –

„Da!“ Zitternd zeigte ich auf eine der hinteren Seiten. Er fotografierte das Visum und den Einreisestempel, wir durften weiter.

Im Dorf kam uns ein Auto entgegen: es war der Besitzer der Unterkunft. Die Polizei kam dazu, sie teilten Zigaretten mit dem Besitzer. Und sie teilten uns mit, dass wir hier nicht bleiben könnten. Die Regierung ließe derzeit keine Ausländer hier wohnen. Sie brächten uns in ein anderes Hotel in der Stadt. Die Nacht brach herein als wir abfuhren, kleine Lampen sprangen vor der Häusern im Dorf an.

Es war dunkel, als wir in der Stadt ankamen. Wir hielten vor dem Hotel, dass die Polizei uns empfohlen hatte – die Rezeptionisten verzogen das Gesicht, als wir in die Lobby traten.

Nein, Ausländer könne man zurzeit nicht aufnehmen.

Wir stiegen zurück ins Auto.

Dann saßen wir plötzlich an einem Restaurant um einen runden Tisch, und eine dicke Frau mit strahlendem Lächeln tischte uns Hühnersuppe, geschmorten Bambus, Rührei und Reis auf. Wir aßen und aßen, bis alle Teller leer waren.

Jemand sagte: „Die Polizei sagt, wir sollen in ein Quarantänehotel.“ Wir schüttelten langsam die Köpfe.
Dann fuhren wir durch die Nacht zurück nach Shanghai. Ich lehnte mich ans Fenster und hörte traurig Pink Floyd.

Mein Traum endete damit, dass ich durch die Nacht in Shanghai nach Hause fuhr und einen Podcast über die Corona-Situation in Brasilien hörte. Wie seltsam! Ich höre nie Podcasts auf dem Fahrrad.

Zuhause stand die Wanduhr auf 3:44. Ich setzte mich auf mein Bett, hörte den Podcast zu Ende und riss eine Tüte Chips auf, die aus der Snackbox übrig geblieben war. Als die Dämmerung durch meine Vorhänge brach, schlief ich ein.



Am nächsten Morgen wachte ich verwirrt auf.
Was für ein seltsamer Traum! Und warum hatte ich solche Kopfschmerzen?

Dann fiel mein Blick auf dreckverschmierte Wanderschuhe und eine leere Tüte Chips neben meinem Bett.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *