Jamie ist unerwartet zu meinem Geburtstagsdinner an einem regnerischen Januarsamstag gekommen und hat mir das schönste Geschenk gemacht: sie hat mich zu sich nach Hause eingeladen, um chinesisches Neujahr mit ihr und ihrer Familie zu feiern. Zwei Wochen später regnet es immer noch, mein Praktikum ist endlich zu Ende und das Coronavirus hält China in Atem (oder eher außer Atem?).


Am Bahnhof Shanghai herrscht Massenexodus, zu Tausenden schieben sich Reisende mit Metallkoffern und Masken über dem Mund durch die Sicherheitskontrolle. Ich habe auf dem Weg schnell noch, wie mir geraten wurde, 白酒 (báijiǔ, chinesischer Schnaps), Zigaretten und Reiskuchen als Gastgeschenke gekauft. Die Zugfahrt in Jamies Heimatstadt 昆山 (Kunshan) ist sehr kurz, und wir unterhalten uns – natürlich – über Corona, Weihnachten und ihre Kindheit bei ihren Großeltern. Am Bahnhof Kunshan empfängt uns ein roter, langer Schriftzug, der Xi Jinpings Gedanken bewirbt, und Jamie sagt: “Kunshan ist sehr klein, vielleicht eine Million Einwohner. Mein Opa holt uns ab, er wohnt nur eine halbe Stunde vom Bahnhof entfernt.”
Zum Auftakt des fünftägigen Schlemmens kocht ihre Großmutter kocht mir eine Nudelsuppe, sie ist etwas überrascht dass ich kein Fleisch esse, nimmt es aber gleichmütig hin. Jamie erzählt von der Arbeit und fragt ihre Großeltern, ob sie zugenommen hat.

Am nächsten Morgen gibt es selbstgemachte Sojamilch und Süßkartoffeln zum Frühstück. Jamie stellt Feliz Navidad und K-Pop an, im Fernsehen läuft ein Bericht über die Coronatoten in Wuhan. Jamies Großvater ist so alt wie mein Papa und färbt sich Haare dunkel, Jamies Großmutter hat noch mit 68 volles, schwarzes Haar und wurde während der Kulturrevolution zum Arbeiten nach Xinjiang (Provinz im Westen Chinas) geschickt. Sie erzählt mir von der sechstägigen Zugreise auf harten Sitzen. Neben ihr liegt meine Maobiographie auf dem Tisch, aufgeschlagen das Kapitel über den Langen Marsch.

八宝饭 bā bǎofàn, Klebreis gefüllt mit acht Spezialitäten (Rote-Bohnen-Paste, roten Datteln, Nüssen etc.)


Das Frühstück geht nahtlos ins Mittagessen über, Punkt 12 kommen die Gäste: Jamies Mutter, ihre Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen. Alle bekommen Plastikhüllen über die Schuhe gezogen und stellen unverpackte Geschenke wie einen Regenschirm am Eingang ab. Im Gegensatz zu meiner Familie gibt es keine große Begrüßungszeremonie, alles ist so angenehm sachlich, denke ich.

Ohne große Umschweife beginnen wir zu essen: Es gibt Ente, Hühnersuppe, Tofu, Okraschoten, Chinakohl, Bambus, Pilze, Klebreis, Spargel und Rotwein. Jamies Großeltern reichen ständig neue Teller, die Gerichte stapeln sich mittlerweile auf dem Tisch. Wir essen, obwohl wir vor dem Mittagessen klagten dass wir schon ziemlich satt sind, und natürlich schmeckt alles unfassbar gut. Die Kinder sitzen an einem eigenen Tisch und wenden sich nach einigen Löffeln Suppe ihren Smartphones zu. Ich verkrieche mich völlig übersättigt aufs Sofa, Jamie spielt Verstecken mit ihren Cousins. Die Älteren drücken den Jüngeren 红包 (hóngbāo, rote Umschläge mit Geldgeschenken) in die Hand.

Ebenso unkompliziert, wie sie kamen, verlassen uns die Gäste nach dem Abendessen. Jamies Großvater prüft die Geschenke: Olivenöl, Zigarettenstangen, Schnaps und Medikamente. Jamie schlägt für ihn auf 淘宝 (tāobǎo, das chinesische Amazon) die Preise der Geschenke nach, damit er sich das nächste Mal entsprechend revanchieren kann.

Vorbereitungen für das große Neujahrsessen in Kunshan

Die nächsten Tage verbringen wir bei Jamies Vater und seiner Frau in einer geräumigen, bewundernswert sauberen Wohnung im 13. Stock eines Hochhauskomplexes. Die Fenster reichen vom Boden bis zur Decke, die Badezimmerfugen sind mit glitzerndem Silikon gefüllt und in einem Glas auf dem Wohnzimmertischen schwimmen zwei Goldfische. Wir schlafen jede Nacht mindestens 9 Stunden und essen, was das Zeug hält. Jamies Vater ist ein begnadeter Koch, der uns Tag für Tag, mittags und Abends die feinsten Gerichte serviert, seine Mahlzeit aber mit einer in Sojasauce getränkten Knoblauchzehe eröffnet, die er im Ganzen und roh verspeist. Dann spült er mit einem großen Schluck 白酒 (báijiǔ, chinesischer Schnaps) nach. Zu Tisch wird geraucht, zu Tisch wird geschlungen und geschlürft, aber nicht geschnäuzt. Knochen, Schalen und sonstig Unverzehrbares wird in kleinen Häufchen auf der nackten Tischplatte gesammelt und nachher in einen Mülleimer gekehrt.

Drachenschildkröten in der Altstadt


Wir schauen die Neujahrsgala, DAS TV-Event zum chinesische Neujahr: ein buntes Fest aus flachen bis kitschigen Sketches, artistischen Darbietungen und, natürlich, Mutmachen angesichts des Coronavirus. Der ist auch zum Abendessen regelmäßig Thema: Jamies Vater stellt die kühne These auf, Rauchen würde vor der Ansteckung schützen, und zündet sich darauf eine Zigarette an. Das große Familienessen, für das 10 Tische reserviert wurden, wird abgesagt, meine Chinesischkurse auch. Abends schauen wir ‘Young Sheldon’, und obwohl ich noch nie Big Bang Theory gesehn habe, bin ich nach zwei Folgen Fan.


In China isst man früh zu Mittag und zu Abend, für gewöhnlich dann wenn die Sonne untergeht, also momentan um etwa halb sechs. Es gibt Brokkoli, Rührei, Schildkrötensuppe, Zuckerschoten und Kirschen aus San Francisco, Erdbeeren und Äpfel aus Yunnan. Jamie und ich arbeiten einen beträchtlichen Berg gerösteter Erdnüsse vor uns ab, und ich trauere etwas um den Astralkörper, den ich mir im Januar durch den Verzicht auf Zucker, regelmäßiges Tanzen und FitFam-Besuche zurechttrainiert habe, aber das Essen schmeckt einfach zu gut.


Jamie und ich trotzen der Corona-Gefahr und dem Regen, spazieren tapfer durch die Altstadt und besichtigen einen sehr schönen und sehr leeren Park. Kunshan ist eine ganz gewöhnliche Stadt mit Hochhäusern, breiten Straßen und hole-in-the-wall-Restaurants. Wo sonst verblichene PVC Lamellen in schlecht beleuchtete Geschäfte führen, sind nun Jalousien nach unten gezogen. Jeder trägt eine Mundmaske und einen Regenschirm mit sich. Wir trinken Kaffe bei Starbucks und reden über Single-sein, Dragonburn, FridaysforFuture, den Nationalsozialismus, und dann schweigen wir und blicken aus dem Fenster.


Wir essen gut, wir essen viel, und wenn wir morgens aufstehen läuft im Fernsehen die Wiederholung der Neujahrsgala. Tag und Nacht hört man Feuerwerke knallen, und der Parkplatz vor dem Haus ist bedeckt mit roten, aufgeweichten Böllerverpackungen. Am ersten Neujahrstag besuchen wir der Tradition gemäß ihre Großeltern väterlicherseits, knabbern Sonnenblumenkerne und fahren danach auf Einladung von Jamies Cousin Hotpot essen. Im Restaurant wird ein Fieberthermometer auf unsere Stirn gerichtet, keiner krank, wir dürfen rein.


In unserem Young Sheldon Marathon befinden wir uns auf der Zielgeraden, der Klang des Intros löst inzwischen tiefe Glücksgefühle in mir aus. Die Zeit bei Jamies Familie ist wie ein wohliger Samstagnachmittag, die Zeit vergeht langsam, die Fische im Glas stupsen träge an die Wasseroberfläche, und angenehmerweise macht niemand Kommentare darüber wie viel Jamie und ich essen. Plötzlich erinnere ich mich wieder, wie das ist, Eltern besuchen: die Nachmittage ziehen sich, man fühlt sich seit Ewigkeiten mal wieder gelangweilt, man wird erst gemütlich, dann gelähmt. Eigentlich hat man auch gar nicht so viel zu erzählen, und stellt jedes Mal fest, diese kindliche Geborgenheit lässt sich nicht reproduzieren. Man ist jetzt erwachsen, zumindest ein bisschen, und die Eltern haben ihren Superheldenstatus verloren. Irgendwie leben sie ein bisschen auf einem anderen Stern, auch wenn man jederzeit beide Hände für sie ins Feuer legen würde.


Dann hört es auf zu regnen, wir haben Young Sheldon fertig gesehen und die Erdbeerschale leer gegessen, Jamies Vater und seine Frau fahren in ihre Heimatstadt. Zeit, zurück nach Shanghai zu kehren, bevor es zu bequem und Shanghai zum Schutz vor Corona von der Aussenwelt abgeschottet wird. Jamie ruft mir ein Taxi, am Bahnhof trägt jeder einen Mundschutz. Shanghai ist wie ausgestorben, die Straßen leer und meine Wohnung kalt. Am nächsten Morgen wache ich im Morgengrauen auf, wenn der Himmel noch orange von den Stadtlichtern ist und höre die Vögel singen.

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