Lockdown Tagebuch #4

Der Schnee ist platt getreten, rutscht von den Ästen und zerfällt in der Luft zu Pulver. Der Himmel ist milchig, ein paar Möwen segeln über den Dächern. Mit lauter Sirene fährt ein Rettungswagen die Straßburger Straße hinunter, dann ist es wieder still. Die Kirchenglocken setzen ein.

Es ist Sonntagmorgen, der Kühlschrank ist leer. Mein Fensterbrett ist signiert mit den Ringen dutzender Kaffeetassenabdrücke, außerdem steht dort noch der halb ausgetrunkene Schlaftee von gestern Abend.

Niemand ist auf der Straße, nur die schrullige Nachbarin, die sich immer über die Musik beschwert, stapft mit hinter den runden Brillengläsern zusammengekniffenen Augen durch den Schnee. Die grauen, krausen Haare fallen ihr auf die Brust, vor die hängenden Schultern, und natürlich hat sie einen krummen Rücken, sie ist ja die schrullige Nachbarin. Da erregt plötzlich etwas im Sandkasten ihre Aufmerksamkeit: sie kniet nieder, fährt suchend mit den bloßen Händen durch den Schnee und putzt eine kleine Weihnachtskugel penibel sauber von Sand und Schnee, minutenlang. Dann steht sie wieder auf und knotet die Kugel umständlich in einen dürren Busch. Als sie davon stapft, wehen ihre langen, grauen Haare im Wind.

Dann fängt es wieder an zu schneien.

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Heute leuchtet der Himmel blau wie ein Eiskristall. Die Luft ist messerscharf und das Licht am schönsten, wenn es morgens in die verdorrten Bäume fällt. Ich bekomme auf WeChat Neujahrsglückwünsche von Menschen, an die ich mich nicht mehr erinnere und Einladungen zu Veranstaltungen, die ich nicht besuchen werde.


Bei dem Gedanken an Shanghai empfinde ich so viele Gefühle, die ich lange nicht mehr benutzt habe: Übermüdung morgens um 7 in der U-Bahn vor der Arbeit, Tanzflächen-Euphorie, das Kichern über das Geblödel meines Mitbewohners, stumme Bewunderung der Nachtlichter vom Balkon, das Verfluchen der Sommerhitze, sich Berauschen an der Hektik auf den Straßen, Ärger über den Bus, der wie immer zu spät kommt, die Sorglosigkeit, mit der wir das Wochenende zelebrierten, die Freiheit, im Morgengrauen mit Tabakgeschmack im Mund nach Hause zu radeln, und die Verwirrung, mit der man drei Stunden später völlig verkatert aufwacht, weil man vergessen hat, die Vorhänge zuzuziehen.


In Deutschland bin ich immer ausgeschlafen, sitze die meiste Zeit in einer angenehm temperierten Mietswohnung und ich logge mich pünktlich in Zoom-Seminare ein. Ich habe nie Kopfschmerzen von gestern Abend oder Muskelkater vom Acro Yoga im Park. Mein Gefühlsbarometer schlägt ein paar Zentimeter aus, wenn ich laufen gehe, Herzrasen von der dritten Tasse Kaffee bekomme oder mein Mitbewohner mir den Feierabend-Joint in die Hand drückt.
Vorfreude, Nervosität und Ausgelassenheit habe ich archiviert für später, nach dem Winter, irgendwann. Ich beschwöre sie nur selten, wenn ich an die Hektik der Straßen in Shanghai denke, an Menschen, in die ich mal verliebt war, an Orte, an denen ich mich frei fühlte. Ich erwecke sie mit Musik, zu der ich früher getanzt habe oder mit Bildern von Orten, die ich nie wieder besuchen werde. Dann verstaue ich sie wieder in der Kiste mit Lebensentwürfen und Tagträumen für irgendwann, in ein paar Monaten, ein paar Jahren, wer weiß das schon.

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