Die Stadt schläft nicht, aber sie schweigt, seit Tagen. Draußen scheint die Sonne auf verlassene Straßen, und sie lügt! Wie kann sie so heiter sein? Ihr Strahlen lockt uns vor die Haustür, nach draußen, wo uns eine Epidemie auflauert. Sagt WeChat.

Mein WeChat Feed verschafft mir Einblick in die Wohnzimmer und das Innenleben meiner Mitmenschen: Sie empören sich, sie spenden Mut, sie langweilen sich. Wer Glück hat, hat China vor dem Ausbruch der Krankheit verlassen und freut sich jetzt über verlängerten Urlaub. Wer in Shanghai ist, wird unfreiwillig unter Quarantäne gesetzt:

Rauszugehen lohnt nicht mehr, alles ist zu, denn Taxifahrer verweigern den Zustieg, überall steht man unter dem unangenehmen Generalverdacht, infiziert zu sein, und dazu ist es draußen auch so unglaublich KALT.

Dort, wo man noch Kaffee trinken kann, bekommt man am Eingang ein Thermometer wie eine Pistole auf die Stirn gerichtet. Wir reden nicht mehr von Angesicht zu Angesicht miteinander, sondern von Maske zu Maske.

Und dann reden wir gar nicht mehr, sondern senden Nachrichten. Die übertragen außer ein paar Buchstaben nämlich sicherlich nichts.

Aber auf WeChat haben alle etwas zu sagen, und gesagt wird viel: Hier eine Liste mit den Krankenhäusern, die auf 2019-nCoV testen, dort eine täglich aktualisierte Karte mit den Infektionszahlen, Bilder von geschlossenen Parks und leergekauften Geschäftsregalen, Selfies mit Mundmasken, Bilder vom Abendessen (denn was bleibt einem, außer Frustessen, wenn die Gefahrenzone schon vor der eigenen Haustür beginnt?).


Und irgendwann habe ich die Nase voll. An einem Sonntag, der seinen Namen mit warmem Sonnenschein ehrt, lege ich mein ständig blinkendes Handy aus der Hand und krame meine Kamera heraus. Ich nehme sie auf eine Expedition nach draußen mit, um diese einzigartige Zeit in Shanghai zu dokumentieren, in der sich so etwas wie Ruhe über die Stadt gelegt hat.

Es ist ein bisschen wie stille Anarchie, denke ich mir an der ersten Kreuzung: Auf die Ampelzeichen achtet keiner mehr, es ist viel zu wenig Verkehr, als dass man irgendwelche Regeln befolgen müsste.

Ich höre meinen eigenen Atem in die Maske ein- und ausströmen, es wird warm unter ihr. Ich bin beinahe etwas neidisch auf den Hund meiner Nachbarin, der unbedarft seine Schnauze in Blumentöpfen am Straßenrand versenkt, fröhlich hechelt und gähnend sein Maul aufreißt.

Dennoch: nie war Shanghai schöner als heute, genau jetzt.
Ich bin mir sicher, denn damit Shanghai zur Sprache kommt, müssen alle schweigen. Shanghai ist zart, wie ein fragiler Schmetterling, der seine Flügel erst entfaltet, wenn Ruhe ist. Dann, wenn man Türen qietschen, Nachbarn tuscheln und Wasser kochen hören kann.

Meine Nase juckt unter der Maske und ich würde sie am liebsten abnehmen, was jedoch einem Affront gleichkäme, denn mittlerweile gilt fast überall: no mask, no service.

In einer kleinen Seitengasse ziehe ich heimlich meine Maske herunter und nehme einen tiefen Atemzug.
‘Shanghai riecht so gut’, denke ich überrascht, es riecht echt, authentisch, besonders im Kontrast zum Kunststoff der Maske. Dann schaut mich jemand böse an und wechselt die Straßenseite, und ich setze die Maske mit einem entschuldigenden Blick wieder auf.

Dass die Stimmung angespannt ist, lässt sich nicht leugnen: Man läuft schnell aneinander vorbei, schaut in misstrauische Augen oder vermeidet Blickkontakt gleich ganz.
Das Böse lauert uns auf, unsichtbar und arglistig, hinter Häuserecken, schmucken Eisentoren, Gartenhecken und dunklen Korridoren. Ein Mann in einem Café beschwert sich lautstark über etwas, das ich nicht verstehe, aber recht unterhaltsam finde. Dann fühlt sich aber der Österreicher am Tisch neben mir von ihm provoziert und beginnt ihn zu beschimpfen. Jetzt schauen alle absichtlich vorbei und die Kellner können um ein Haar eine Schlägerei vermeiden. Am Ende schütteln beide sich doch bloß zähneknirschend die Hände und die Österreicher bestellen schnell noch eine Flasche Wein und machen blöde Witze, damit nicht so auffällt wie die Stimmung versaut ist.

Aber trotzdem: was für eine schöne Stadt Shanghai ist! ‘Schön’ ist ein viel zu profanes Wort, Shanghai ist ein urbanes Paradies im Moment, samt Vogelgezwitscher, Baumwipfelgrün und warmen Bordsteinen.

Träge Gassen, stolze Balkone, die Schatten der Platanien ergießen sich galant auf der Straße. Hinter Fensterscheiben teurer Italiener warten gedeckte Tische seit Wochen auf Gäste. Überall trocknet Kleidung, vor einem Krankenhaus steht eine Traube Menschen mit sorgenvollen Gesichtern.

Ich blicke in einen Garten, in dem eine Laterne von einem Ast baumelt und Radieschen sich auf einem Gartentisch sonnen. Ich streiche über rauhe Häuserwände und klopfe auf die Hauben von Motorbikes. Ihr Alarm antwortet mir mit lautem Protest, doch da bin ich schon längst in einer Nebenstraße verschwunden.
Hier schlägt das Herz der Stadt, in den Abzweigungen, Gässchen, Passagen und Winkeln, die wie Adern zwischen den großen Alleen verlaufen. Ich verlaufe mich immer tiefer im Kaninchenbau, halte schüchtern meine Kamera auf Hinterhöfe und Gässchen, bis ich wieder an einer der Hauptadern ausgespuckt werde.

Eine Amerikanerin und ihre Mutter laufen etwas verloren die menschenleere Straße herunter, ihre Stimmen sind noch hörbar, nachdem sie links um die Ecke verschwunden sind.

Auf dem Weg nach Hause bemerke ich, wie das Virus unfreiwillig manchmal zu komischen Situationen führt:
in einer Bar verteilt ein Gast in sehr breitem deutschen Akzent ungefragt Ratschläge zu Steuer- und Mieterleichterungen während der Epidemie an die freundlich nickenden Kellner, und in meinem Gemüsemarkt spielen die Verkäuferin und ein paar Einkäufer kichernd an einem der billigen Thermometer herum:
sie richten die Messgeräte auf ihre ausgestreckten Handgelenke und machen Witze darüber, dass die Thermometer in 99% der Fälle ausfallen oder eine Körpertemperatur von 28°C anzeigen.

Der Virus hat Shanghai in einen unfreiwilligen Winterschlaf versetzt. Und die Stadt tut sich offensichtlich leichter als wir, die Zwangspause zu hinzunehmen.
Während wir in unseren Wohnungen auf- und abtigern, unseren Familien unser Leid klagen und ungeduldig auf die Meldung warten, dass es ab jetzt wieder genau so weiter geht wie zuvor, dass wir zurück in die Büros und Bars dieser Stadt strömen dürfen, dass endlich wieder Knattern, Hupen und Menschenmassen die Straßen füllen, währenddessen fällt Sonnenlicht in einen Altbau, schleichen Katzen im Gebüsch, rauschen Palmen im Wind.

Ein altes Tor quietscht, ein Kartonsammler hält ein Nickerchen in seinem Lastenfahrrad. Abend läuft jemand über den Hof meines Apartmentkomplexes und schmettert laut ein Lied. Fast ist es, als sei Frieden eingekehrt.

Bis ich auf mein Handy schaue.

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