Lockdown Tagebuch #2

Samstagnachmittag beschalle ich den Innenhof mit Musik und denke darüber nach, ob Kasimir ein schöner Name ist. Ich denke über all das nach, was ich aus dem Tag machen könnte, und wie wenig Lust ich dazu habe. Ich denke an Worte, die in anderen Worten versteckt sind – die DetoNATION, zum Beispiel, und dass „bin ich drüber hinweggekommen“, eigentlich auch nur heißt „wollte ich eh nie richtig machen“.

Die Sonne tut richtig weh. Sie scheint seit dem Mittag, zwei Stunden etwa, keck in mein Zimmer hinein. Alles leuchtet, alles sieht schöner aus. Sie sagt: „komm doch raus!“, aber sie sagt mir nicht, wofür. Ich stehe unentschlossen am Fenster. Nur für ein paar Sonnenstrahlen? Ich bin überall schon gewesen. Ich bin dieselben Wege schon so häufig gelaufen. Es gibt keine Überraschungen mehr: Ich könnte an den Hafen fahren, in der Kälte stehen und daran denken, wie lang der Weg nach Hause noch ist. Der Hafen würde genau wie in meiner Vorstellung aussehen. Ich könnte an neue Orte fahren, Duvenstedt, Ochsenwerder, in die Fischbeker Heide, Elbdeich und Kupferteich. Aber es ist es schon spät, und in zwei Stunden geht die Sonne unter. Ich wünsche mir nichts lieber, als das die Sonne jetzt untergeht, damit ich nicht mehr unschlüssig am Fenster stehen muss. Ich öffne das Fenster und die kalte Luft fährt in meine Kleider, in meine Haare. Das ist simpel, es ist echt: Es ist kalt, da ist nichts zwiespältig. Die Kälte ist ehrlich, und sie stellt keine Fragen, sondern nur vor vollendete Tatsachen.

Das ist jetzt meine Welt: das türkise Wandtuch, das in der Sonne leuchtet, der IKEA Bonsai, der langsam vertrocknet, der Fenstergriff, der nie richtig verschlossen ist, weil ich so oft unschlüssig am Fenster stehe. Ich drehe ihn auf, es ist zu kalt, ich drehe ihn zu, aber jetzt kann ich die Vögel nicht mehr hören. Ich sitze auf der Fensterbank, die mir nach ein paar Minuten zu unbequem wird. Ich sitze auf dem Bett, aber jetzt kann ich nicht mehr rausschauen. Alles ist halb, nichts ist ganz.
Das ist meine Welt: trockene Zweige vor meinem Fenster, die im Sonnenlicht glänzen, roter Backstein, Vorstadtspielplätze, Autos rumpeln über Kopfsteinpflaster, Kinderwagen. Parkbank. Fahrradständer. Zeit online, vinted.de, der YouTube Feed, Gmail. Im Fenster gegenüber fällt ein Rollo hinunter. Endlich lässt das Sonnenlicht nach.

Ich glaube, man kann von Hippies halten was man will, aber es ist nie mehr so sorglose Musik geschrieben worden wie damals.

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