Der Mondsohn saß auf einem Hügel im Staub, legte den Kopf in den Nacken und umschlang seine an die Brust gezogenen Knie.
Sein Blick folgte seit zehn Tagen aufmerksam der Sonne. Sie zog in einem akkuraten Halbkreis über den pechschwarzen Himmel und warf lange Nachmittagsschatten über das Tal zu seinen Füßen. Obwohl der Mondsohn sich mehr als viertausend Meter über der Talsohle befand, wirkte es aufgrund der dünnen Atmosphäre, als sei der Grund nur einen Satz den Berg hinunter entfernt.

Die Sicht war gut. So gut, dass der Mondsohn, würde er seinen Blick ins Tal richten, die Spuren eines Erkundungsfahrzeuges im Staub erkennen könnte. Von oben sahen die Abdrücke wie eine in den Staub gepinselte Signatur aus, mit der der Mensch seine Ankunft auf dem Mond unterzeichnet hatte. Sie waren die Schneise, die die Apollo 11 Mission in die tödliche Ödnis des Mondes geschlagen hatte.

Tödliche Ödnis?

Für den Mondsohn war der Mond weder lebensfeindlich noch einsam.
Seine Einsamkeit bereitete ihm großes Vergnügen. Er käme nie auf die Idee, die Gesellschaft eines anderen zu benötigen, oder gar genießen zu können. Auf einer mondlichen Abendgala mit Kürbis-Canapés, sprudelndem Sekt und angenehmen Hintergrundgemurmel wäre er sicher fehl am Platz …
ganz abgesehen davon, dass im luftleeren Raum kein Wort zu hören wäre, der Sekt sofort verdampfen würde und zu einer Abendgala eine ganz wesentliche Komponente fehlte: die Gäste.
Es war immer nur er, und niemand anderes auf dem Mond gewesen. Doch wenn man ein Leben lang allein verbringt, kennt man keine Einsamkeit. Der Mond bot ihm ewiges Vergnügen, der Mondsohn fühlte sich sehr wohl in seiner Gesellschaft. Manchmal wusste der Mondsohn selbst nicht, wo der Mond aufhörte und er begann.

Doch der Mondsohn steckte in einer körperlichen Hülle, die ihn vom verstrahlten, luftleeren Raum um ihn trennte.

Sein Körper war zwar unglaublich schmal und leicht, aber er war. Wenn er über sein Gesicht strich, fühlte er seine lange Nase und die markanten Wangenknochen. Auf seine Schultern fiel feines Haar, seine Gelenke standen knöchern unter seinem Kleid hervor, das locker um seinen Körper gewickelt war. Das Kleid umhüllte ihn wie eine zweite Haut und riss oder verrutschte nie. Der Mondsohn trug es schon immer, zumindest erinnerte er sich an keine Zeit, in der er das Kleid nicht hatte.

Aber er erinnerte sich ohnehin selten an etwas. Sein Erinnerungsvermögen war obsolet auf dem Mond. Seine Umwelt veränderte sich nicht mehr, es war alles, wie es immer schon gewesen war. Er hatte weder Terminabgaben in der nächsten Woche zu bedenken noch prägende Kindheitserinnerungen zu verarbeiten – er befand sich in einer Welt, in der es nur Konstanten anstatt von Entwicklungen gab.

Die Brust des Mondsohnes rührte sich nie. Seinen Kehlkopf hatte niemals ein Laut verlassen. Er hatte noch nie in seine eigenen Augen geblickt oder seinen Fußabdruck im Staub betrachtet.

Der Mondsohn atmete also nicht und sprach nie, er wusste nicht wie er aussah und warum er keine Spuren im Sand hinterließ.

Er wusste es nicht, weil er nicht atmen, sprechen, aussehen oder hinterlassen musste.

Langsam senkte der Mondsohn seinen Blick auf den staubigen Untergrund, auf dem er saß. Er spürte plötzlich die Anstrengung, die es ihn gekostet hatte, den Hügel zu besteigen. Bedächtig fuhr er mit der Hand durch den Staub und zerrieb ihn nachdenklich zwischen den Fingern, bis nur noch ein winziges Steinchen überblieb. Er schnippte es von der Hand, geräuschlos landete es einen Meter weiter.

Der Mondsohn war ein rastloser Wanderer, der kaum Schlaf oder Pausen brauchte. Die langen Tage des Mondes ließen ihm viel Zeit, sich seinen Spaziergängen hinzugeben. Er wanderte durch Flussbetten erkalteter Lavaströme, kletterte in Schächte und Höhlen hinab und sah vom Gipfel eines Berges in ein Tal hinab.
Obwohl ihm die schwarz-weiße Mondlandschaft längst vertraut war, machte der Anblick ihn zutiefst glücklich.

Er hatte sich nie gefragt, wohin er gehörte, doch er wusste die Antwort: hierhin.

Der Mondsohn blickte langsam wieder auf in das Tal, in das nun lange Nachmittagsschatten fielen. In etwa vier Tagen würde die Sonne hinter den Bergen verschwinden. Wenn er ihrem Licht folgen wollte, musste er jetzt hinabsteigen. Die Tage auf dem Mond waren lang, aber die Nacht war öfter schon unerwartet über ihn hereingebrochen. Ein letztes Mal blickte er auf das schwindende Sonnenlicht, und richtete sich dann behutsam auf.

Meistens folgte er der Sonne über den Mond, wochenlang und rastlos. Er mochte die verschiedenen Grautöne, die ihr Licht auf seine Welt malte. Im Morgenlicht waren die Berge spitz und fielen steil hinab, am Nachmittag schienen sie wie mit Samt bezogen. Jetzt, kurz vor Einbruch der Dämmerung verliehen die dunklen Schatten ihnen radikale Erhabenheit.
Der Mond war eine riesige Palette an sanftem Weiß, edlem Grau, tiefem Schwarz. Der Mondsohn brauchte keine Farben.

Meistens also folgte er dem Tageslicht. Doch manchmal wartete er auf den Einbruch der Nacht und ließ sich absichtlich in ihre Dunkelheit fallen.
Der Mondsohn vergaß dann nach einigen Tagen in der Dunkelheit das Licht. Er zwang seinen Sehsinn in die Obsoleszenz, bis er tatsächlich nur noch Trugbilder, Phantasma, Visionen vor sich sah. Die Finsternis wurde zu einem Kaleidoskop aus Figuren und Mustern, denen der Mondsohn einige Zeit zuschaute. Dann wand er auch davon den Blick ab, schaltete sein Sehvermögen aus und Licht, Dunkelheit, Formen und Farben verschwanden.
Das einzige, was ihn dann noch mit dem Mond verband, war sein Tastsinn. Er tastete sich durch die Nacht und genoss die Vollständigkeit seines Körpergefühls, die er am helllichten Tage, wenn Sehreize sein Tastgefühl blendeten, nie erreichen konnte. Die Nacht fühlte sich dann wie ein Negativabzug des Tages an.

Alles eine Frage der Gewöhnung.

Wenn dann die Sonne kalt und weiß am Horizont auftauchte, war es jedes Mal, als sähe er sie zum ersten Mal.

Solche Experimente waren jedoch sehr kraftraubend, und die Mondnächte außerdem sehr kalt.

Deshalb setzte er nun seine Wanderung fort. Leichtfüßig sprang er das sandige Gestein hinab, von Weitem glich es einem Tanz die Bergscharte hinunter. In der Talsohle war es beinahe nachtschwarz, der Mondsohn fröstelte in der Dunkelheit. Er zog sein Kleid fest und lief mit federnden Schritten auf das Plateau zu, dass er zuvor vom Gipfel des Berges betrachtet hatte.

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