Lockdown Tagebuch #3

Ich habe endlich die Krankenversicherung angerufen, drei Monate nachdem ich zurück in Deutschland bin. So langsam hab ich Angst gekriegt, dass ich irgendwann eine riesige Nachzahlungsaufforderung im Briefkasten hab. Als die wissen wollten, wann ich zurückgekommen bin, habe ich gleich wieder aufgelegt. Dann bin ich zum Paketshop, im Nieselregen, und der Paketshop war zu: Mittagspause. Ich hab mich in die Reihe gestellt und verlegen dem alten Mann zugelächelt, der unheimlich Redebedarf hatte. Der hat die ganze Schlange totgequatscht, und keiner ist drauf eingegangen.  Als ich auf dem Heimweg auf mein Handy schaute, war da ein entgangener Anruf von der Krankenversicherung, und ich hab gleich wieder flattrige Knie gekriegt.

Gestern bin ich auf die Veddel gefahren: eine WG in der Harburger Chaussee, Becks und Cointreau im Kühlschrank. Eine Schale ungarische Chips und ein Tütchen weißes Pulver auf dem Tisch. Felix lehnt mit zugekniffenen Augen über mir und sticht eine Nadel in meine Haut, und eine halbe Stunde später habe ich eine Mondsichel unter dem Schlüsselbein. Hinter den Wolken schimmert der Halbmond. Wir trinken den Kühlschrank leer und essen Käsebrot um 2.30 nachts.
Am nächsten Tag scheint die Sonne auf dem Deich. Jemand erzählt, Wilhelmsburg sei die größte bewohnte Binneninsel nach Manhattan. Willy ist trotzdem so ein Dorf, Mann. Jemand sagt, siehst du das Lasse <3 Graffiti dahinten, an der Tankstelle? Das hat meine Mitbewohnerin gemacht, an Sylvester glaub ich, total druff. Hat sich in derselben Nacht von Lasse getrennt.
Wir spielen Basketball am Veringkanal, bis der Ball im Wasser landet. Egal, nichts kann unsere gute Laune kaputt machen. Heute ist echt’n schöner Tag. Es ist schon wie Frühling. Wir essen Falafel mit Granatapfelsauce am Turtur, und ich denke daran, wie oft ich im Morgengrauen vom Turtur zur Bushaltestelle gelaufen bin, verschwitzt, beschwipst, bekifft. Dann bin ich meistens in der U-bahn eingeschlafen. Das Turtur sieht auch jetzt, am Tag und geschlossen, schön aus. Am anderen Ufer schaukelt ein blau gestrichenes Boot in der Sonne. Ganz schön kalt jetzt, wo man sich nicht mehr bewegt.

Heute sitze ich wieder allein am offenen Fenster und starre auf das Schachbrett aus Fenstern am Häuserblock gegenüber. Über den Dächern zerfließen die Wolken und ziehen als weiße Schleier in die Nacht. Langsam, so dass man es kaum bemerkt, verblassen sie am tiefblauen Himmel.

Im Radio läuft Space Song von Beach House.

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